The Hateful Eight Kritik: Reservoir Dogs im Wilden Westen

Quentin Tarantinos mittlerweile achter Kinofilm läuft derzeit in deutschen Kinos und spaltet das Publikum wie kein anderes seiner Werke. Handelt es sich bei The Hateful Eight um ein Meisterwerk oder um ein selbstverliebtes Stück Langeweile? Wie lässt sich der Western in die bisherige Filmographie des Kultregisseurs einordnen? Und lohnt sich The Hateful Eight in der 70mm Roadshow Fassung?

Reaktionen auf The Hateful Eight: Kritik und Lob

Es gibt wohl kaum einen anderen Regisseur, der bereits mit der Ankündigung eines neuen Films einen derartigen Hype auslösen kann, wie Quentin Tarantino. Das mag einerseits daran liegen, dass Tarantino mit seinem schrulligen und – je nach Sichtweise – selbstbewussten oder arroganten Charakter selbst schon eine moderne Kultfigur ist. Andererseits verdient der Regisseur diesen Effekt aber auch der Tatsache, dass er mindestens mit Pulp Fiction unbestritten Filmgeschichte geschrieben hat. Die Mischung aus interessanten Charakteren, coolen und unverkrampften Dialogen und regelmäßigen Gewaltausbrüchen wurde mittlerweile oft kopiert, kein anderer Regisseur beherrscht diesen Stil aber so gut wie Tarantino selbst. Auch sein mittlerweile achter Film trägt diese unverwechselbare Handschrift. Dennoch erntete The Hateful Eight Kritik, wurde als zu langweilig und geschwätzig bezeichnet und enttäuschte an den Kinokassen auch finanziell. Um es gleich vorwegzunehmen: Fans von Tarantino werden bei The Hateful Eight voll auf ihre Kosten kommen. Wer seiner unkonventionellen Erzählweise bisher aber nicht viel abgewinnen konnte, wird auch The Hateful Eight nicht genießen.

Worum geht es in The Hateful Eight?

Im Vorfeld zu viel über die Handlung von The Hateful Eight zu wissen, würde die Erfahrung dieses Films absolut ruinieren, deshalb sei an dieser Stelle nur das Nötigste verraten: Acht unterschiedliche Charaktere suchen in einer entlegenen Hütte Zuflucht vor einem Schneesturm und geraten dort aneinander. The Hateful Eight ist also ein klassisches Kammerspiel, besetzt mit hervorragenden Schauspielern, denen von Tarantino die typischen skurrilen Charaktere auf den Leib geschrieben wurden. Neben dem schwarzen Ex-Soldaten Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), dem Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russel) und seiner Gefangenen Daisy Domergue (großartig: Jennifer Jason Leigh) gehören vor allem der Henker Oswaldo Mobray (Tim Roth in einer Christopher Waltz-Gedächtnisrolle) und der neue Sheriff Chris Mannix (Walton Goggins) zum Ensemble. Auch Quentin Tarantino persönlich ist zu Beginn der zweiten Hälfte des Films in einem Voice Over zu hören.

Acht hasserfüllte Mistkerle

Schon bei der Entwicklung der Figuren wird klar, dass The Hateful Eight ein echter Tarantino Film ist, der mit den Gepflogenheiten Hollywoods deutlich bricht. Einen positiven Helden gibt es in dieser Geschichte nicht, stattdessen handelt es sich bei allen Figuren um brutale und rücksichtslose Verbrecher. Selbst die Sympathie des Zuschauers für Marquis Warren dauert nur bis zu einer Szene an, in der dieser eine Geschichte erzählt, die vor sadistischer Brutalität nur so strotzt. Es ist also klar, dass es mit diesen acht Mistkerlen auf derart engem Raum kein gutes Ende nehmen kann. Und Tarantino lässt sich gut die Hälfte der fast dreistündigen Spieldauer Zeit, um die Charaktere zu bewegen wie Figuren auf einem Schachbrett, ihre Beziehungen zueinander durch die typischen ultracoolen Dialoge zu etablieren. Nun kann man sicher an The Hateful Eight die Kritik üben, dass die ersten anderthalb Stunden des Films sehr geschwätzig sind und einfach zu wenig passiert. Tatsächlich ist The Hateful Eight der sperrigste und langatmigste der bisherige Tarantino Filme. Ständig wartet der Zuschauer darauf, dass endlich etwas passiert, die Handlung Fahrt aufnimmt. In der zweiten Hälfte des Films zahlt sich aber genau diese extrem lange aufgebaute Spannung aus.

In der zweiten Hälfte lässt Tarantino es krachen

Auch in The Hateful Eight schöpft Tarantino wieder aus seinem Reservoir an ungewöhnlichen Stilmitteln, arbeitet mit Rückblenden und Einschüben, selbst die Pause in der Kinoaufführung ist in die Geschichte mit eingebaut und dient als Trennelement der zwei Filmhälften. Denn pünktlich zur zweiten Hälfte des Films baut Tarantino dann endlich ein Element ein, das der Story eine unerwartete thematische Wende gibt und dreht völlig unvermittelt an der Gewaltschraube.

Das nun folgende Massaker zeigt die Gewalt nicht nur, es zelebriert sie. Deshalb muss sich The Hateful Eight die Kritik gefallen lassen, gewaltverherrlichend zu sein. Unterhaltsamer und stilistisch ansprechender als bei Tarantino wird Gewalt im Kino aber selten verherrlicht. Und ganz nebenbei streift Tarantino mit den gesellschaftlichen Folgen des amerikanischen Bürgerkriegs dann auch noch ein unerwartetes Thema und nutzt es für einen Kommentar zu den zeitgenössischen Rassismusproblemen in den USA.

Quentin Tarantinos bester Film?

Wie jeder Film von Quentin Tarantino wird natürlich auch The Hateful Eight ständig mit dem Rest seiner Filmografie vergleichen, vor allem Pulp Fiction dient dabei als Maßstab. Tatsächlich hat The Hateful Eight deutlich mehr mit dem Frühwerk des Regisseurs gemeinsam, als mit seinen späteren Filmen. Insbesondere Django Unchained taugt kaum zum Vergleich. Stattdessen handelt es sich bei The Hateful Eight um eine Art Reservoir Dogs im Wilden Westen. Ein Ensemblestück, das sich alleine auf seine Figuren und deren hochkarätige Darsteller verlässt und in einer expliziten Gewaltorgie endet. Natürlich fehlt The Hateful Eight der Überraschungseffekt, der Pulp Fiction zu etwas Besonderem und zuvor nie dagewesenen machte. Tarantino liefert hier genau das, was seine Fans von ihm erwarten.

Lohnt sich die 70mm Roadshow Fassung?

Neben der Frage, ob man sich The Hateful Eight im Kino anschauen sollte, müssen sich Tarantino Fans auch noch entscheiden, ob die normale Kinofassung reicht, oder ob es die 70mm Roadshow Fassung sein soll, die in Deutschland nur in fünf Kinos gezeigt wird. Ein halbes Jahrhundert nach Kharthoum von 1966 ist The Hateful Eight der erste Film, der in diesem besonders breiten und mittlerweile ausgestorbenen Format gedreht wurde. Für den Zuschauer hat das zum einen den Vorteil, dass das breitere Bild viel mehr Details und Schärfe bietet, als ein normaler 35mm Film oder eine Digitalprojektion.

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Das ist jedoch nicht der einzige Vorteil der Roadshow Fassung. Anstatt der ansonsten obligatorischen Werbeclips und Trailer im Kino wird in dieser Fassung eine Ouvertüre, also ein musikalisches Intro aus dem fantastischen Soundtrack von Ennio Morricone gespielt, bevor sich der Vorhang öffnet. Außerdem nahm Tarantino das besondere Bildformat zum Anlass, einige Szenen zu verlängern, um die epische Breite des Bildes länger auf den Zuschauer wirken zu lassen. Die 70mm Roadshow Fassung ist im Ergebnis also viel mehr als ein Gimmick, sondern macht aus The Hateful Eight ein einzigartiges Kinoerlebnis.

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