Preacher Serienkritik: Kann die TV-Adaption mit dem Comic mithalten?

Mit der Graphic Novel Preacher revolutionierte Garth Ennis Mitte der 90er Jahre die amerikanische Comiclandschaft. Preacher verabschiedete sich von der bunten und harmlosen Welt der kostümierten Superhelden und ließ eine Mischung aus Blasphemie, Tabubrüchen, Gewalt, Sex und tiefschwarzem Humor auf das Publikum los. Auch deshalb galt das Comic lange als unverfilmbar, entsprechende Versuche und Ankündigungen wurden regelmäßig wieder aufgegeben. Dennoch versucht sich nun Seth Rogen als Produzent daran, die berühmt-berüchtigte Vorlage als Serie umzusetzen – und kommt dem Ziel dabei näher, als erwartet.

Was bisher geschah: Die Story der Serie

Der Priester Jesse Custer kehrt in seine Heimatstadt Annville ins tiefste Texas zurück, um die Gemeinde seines Vaters zu übernehmen. Wie im Comic ist Jesse jedoch meilenweit vom typischen, braven und biederen Priesterbild entfernt. Stattdessen lernen wir einen zynischen und verzweifelten Priester mit einer düsteren Vergangenheit kennen, der zu Beginn der Serie kurz davor steht, vom Glauben abzufallen. Als das übernatürliche Wesen Genesis auf die Erde stützt, sucht es sich ausgerechnet dieses verlorene Schaf als Wirt aus, wodurch Jesse sowie seine Freunde Tulip und Cassidy in eine Verschwörung zwischen Himmel und Hölle hereingezogen werden.

Das ist grob gesagt wohl der kleinste gemeinsame Nenner zwischen TV-Serie und Comic. Rogan nimmt sich bei seiner Umsetzung jedoch viele Freiheiten von der Vorlage, die Fans des Comics nicht immer erfreuen dürften, dem Serienformat zum größten Teil aber zugutekommen. Das beginnt bereits mit dem Schauplatz der Geschichte. Zwar spielt Texas auch im Comic eine zentrale Rolle, ein großer Teil der Geschichte führt die Protagonisten aber auf einem Road-Trip-Abenteuer quer durch die USA, Rogen scheint auf diesen Aspekt jedoch zu verzichten und die Geschichte auf die Kleinstadt Annville zu fokussieren, die im Comic nur eine kurze Zwischenstation darstellt.

Warum Preacher auch als Serie funktioniert

Die Zweifel daran, dass Seth Rogen eine würdige Serienadaption der Comicvorlage gelingen würde, waren bereits bei der Ankündigung des Vorhabens groß. Dass die bisher gezeigte erste Hälfte der ersten Staffel bei der Preacher Serienkritik dennoch gut wegkommt, ist vor allem dem kruden Humor zu verdanken. In den besten Momenten wirkt die Serie dank ihrer Absurditäten und fetzigen Dialoge wie eine Mischung aus den Filmen von Wes Anderson und Quentin Tarantino. An letzteren erinnern vor allem auch die regelmäßigen Gewaltausbrüche, die Rogen genüsslich zelebriert. Dominic Cooper sieht in seiner Hauptrolle auf den ersten Blick zwar nicht aus, wie sein Vorbild aus den Comics, wird ihr aber dank seiner zynischen und dennoch ultimativ sympathischen Darstellung gerecht.

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Vor allem schafft es Rogen durch die Verdichtung auf einen zentralen Schauplatz, das Tempo der Geschichte in den ersten Szenen durchgängig hochzuhalten. Preacher in Serienform ist eine Achterbahnfahrt mit jeder Menge zitierfähigen Onelinern, völlig abgedrehter Action und einer für Serienverhältnisse sehr ästhetischen Optik, die den staubigen und schwülen Süden der USA beeindruckend in Szene setzt. Dass die Preacher Serie der Vorlage chronologisch und auch inhaltlich nicht sklavisch folgt, bietet den Fans des Comics zudem die Möglichkeit, sich doch noch überraschen zu lassen. Ob Rogen diese Möglichkeit auch nutzen kann, wird sich wohl allerdings erst nach den ersten Staffeln herausstellen.

Das ist nicht gelungen

Eine Preacher Serienkritik wäre natürlich nicht vollständig, ohne auch auf die Umstände einzugehen, in denen die Verfilmung dem Comic nicht gerecht wird. So scheint Rogen bisher auf einen zentralen Aspekt des Comics fast vollständig zu verzichten: Die Blasphemie. Das Comic ist vor allem eine Abrechnung mit Gott und der christlichen, insbesondere der katholischen, Religion. Einer der Hauptantagonisten der Vorlage ist Allfather D`Aronique – ein fettleibiger, sich nach jeder Mahlzeit übergebender und moralisch völlig korrupter Charakter, der in Auftreten und Rhetorik deutlich an den Papst erinnert.

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Darüber hinaus ist der Comic auch für seine sehr vulgäre Sprache berüchtigt, kaum eine Sprechblase kommt ohne Flüche aus. Das Weglassen dieser beiden Aspekte dürfte wohl dem Umstand geschuldet sein, dass Preacher auf AMC läuft und dadurch im Zeigbaren deutlich beschränkt ist. Mit Gewalt haben US-amerikanische Fernsehsender bekanntlich kein Problem, wie insbesondere auch das ebenfalls auf AMC laufende The Walking Dead eindrucksvoll beweist. Die Blasphemie war für Rogen dann aber wohl doch ein zu heißes Eisen. Deutlich hinter der Vorlage zurück bleibt auch Arseface, der aufgrund der Comics mittlerweile ein fester Bestandteil der amerikanischen Popkultur ist und sich dort vor allem durch sein abstoßendes Äußeres auszeichnet. Die Serieninkarnation von Arseface schaltet hier leider mehrere Gänge zurück, verglichen mit dem Comic sieht Arseface absolut harmlos aus.

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Auch seine Hintergrundgeschichte wurde entschärft, indem sein tyrannischer und gewalttätiger Vater Sheriff Root in der Serie als Sympathieträger präsentiert wird. Anders als im Comic wird in der Serie auch kein Konflikt zwischen Arseface und unserer Heldentruppe aufgebaut, das ist leider viel verschenktes Potenzial für die Handlung. Überhaupt zeichnet sich die Graphic Novel durch ihr großes Angebot an charismatischen Bösewichtern aus, vom bereits angesprochenen kotzenden Papst über den deutschen Killer Herr Starr, den skrupellosen Fleischunternehmer Odin Quincannon bis hin zu Gott persönlich. Die Serie baut bisher nur Quincannon zum Antagonisten auf und obwohl dieser vom großartigen Jackie Earle Hayley verkörpert wird, erregt die Darstellung weder die Antipathie noch den Ekel, die diese Figur in den Comics auszeichnen.

Fazit: Schlechte Verfilmung aber gute Serie

Es bleibt also festzuhalten, dass sich Preacher viele Freiheiten von der Vorlage nimmt. Einige dieser Freiheiten ermöglichen der Serie neue Ansätze und wirken sich positiv aus, andere vermitteln eher das Gefühl einer angezogenen Handbremse und von verschenktem Potenzial. Da es sich bei diesem Text jedoch um eine Preacher Serienkritik handelt und eben nicht um ein Review der Comicvorlage, geben die durchaus gelungenen Aspekte der Serie im Ergebnis den Ausschlag. Denn Seth Rogen ist zwar keine originalgetreue Adaption der Comics gelungen. Er reizt das Original aber so gut aus, wie das im Format einer TV-Serie auf einem amerikanischen Kabelsender nun mal möglich ist. Die bisher gezeigten Folgen machen Hoffnung, dass die Serie das Preacher-Universum auf durchaus unterhaltsame Art erweitern kann. Und den Kritikern und Comic-Fans, die mit der Verfilmung nichts anfangen können, bleiben ja nach wie vor die Comics.

Bilder @ScreenRant

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