Making a Murderer: Im Zweifel gegen den Angeklagten

True Crime ist ein Genre, welches sich mit realen Kriminalgeschichten auseinandersetzt. Natürlich eignen sich besonders solche Storys dafür, die möglichst komplex, dubios und voller Widersprüche sind. Wie das richtige Leben nun mal ist, sind es auch die Geschichten, an deren Filmende sich die Zusammenhänge nicht aufklären. Typische und wahre Kriminalfälle, die so erzählt werden, werfen entweder noch viel mehr Fragen auf, oder sie beinhalten eine große Ungerechtigkeit. Netflix hat nun im Dezember „Making a Murderer„, die Geschichte von Stevenn Avery, in einer 10-teiligen Serie veröffentlicht. Seine Story wird darin nicht nachgestellt, vielmehr handelt es sich um echte Interviews mit Beteiligten, Ausschnitten aus Prozessen, den Polizeiermittlungen usw. Wenn „Making a Murderer“ auch immer mehr Fragen zu dem Fall von Steven Avery aufwirft – noch viel mehr wird sich bei den Zuschauern einbrennen, dass es jeden treffen könnte.

Vorgeworfene Taten und Verurteilungen (Vorsicht, Spoiler!)

Um es für diejenigen einfacher zu machen, die sich „Making a Murderer“ noch unbefangen auf Netflix anschauen wollen, haben wir sämtliche Spoiler in diesen Absatz gepackt. Lest in diesem Fall einfach im nächsten Absatz ab der nächsten Zwischenüberschrift weiter. Die Ausgangssituation stellt sich einfach dar. Schnell kann man anhand der strafrechtlichen Vorgeschichte von Steven Avery zu dem Schluss kommen, ihm Verbrechen wie Vergewaltigung oder Mord zuzutrauen. Diese Vorverurteilung und Umstände, bei denen sich die Geschichten einiger Protagonisten unglücklich miteinander verbandelten, führten wohl dazu, dass Steven Avery der Vergewaltigung für schuldig befunden wurde. Steven Avery wuchs in einfachen Verhältnissen auf, seine Eltern leiteten einen Schrottplatz in der kleinen Gemeinde Manitowoc in Wisconsin. Dort lebte auch seine Schwester mit ihrem Sohn, Brendan Dassey. Mit 18 Jahren stieg Steven Avery in eine Bar ein, um von dort Alkohol zu entwenden. Diese Tat gab er zu. Noch während seiner Gefängnisstrafe wurde er von einem Dritten beschuldigt, zuvor gemeinsam eine Katze bestialisch und lebendig verbrannt zu haben. Da Steven Avery auch diese Tat gestand, wurde seine Strafe um etliche Jahre verlängert. Eine Cousine von ihm zeigte ihn 1985 an, ihr Auto angefahren und sie mit einem Gewehr bedroht zu haben.

Steven Avery Gerichtsverhandlung

Außerdem gab sie an, dass sich Steven Avery mehrfach vor ihr entblößte, wenn sie an ihm vorbeifuhr. Gleichzeitig war diese Cousine mit einem Deputy des Sheriff-Büros verheiratet, welches Avery der Vergewaltigung einer jungen Joggerin am Michigansee überführen wollte. Damit standen die Vorzeichen mehr als schlecht für Steven Avery. Der betonte zwar immer wieder seine Unschuld, wurde aber dennoch rechtskräftig für die Vergewaltigung verurteilt. 18 Jahre später musste er entlassen werden, da eine DNA-Analyse seine Unschuld zeigte. Daraufhin verklagte Steven Avery die Behörden zu einer Schadensersatzklage von mehr als 35 Millionen US-Dollar. Bis hier her wäre es schon eine nennenswerte Geschichte gewesen, doch der wahre Höhepunkt sollte noch kommen. Kurz, nachdem Avery seine Klage offiziell machte, verschwand eine junge Fotografin, die ausgerechnet er zuletzt lebendig auf seinem Schrottplatz sah. Sein damals 16-jähriger Neffe Brendan Dassey wurde ohne Eltern oder Anwalt von der Polizei verhört. Ihm wurde versprochen, dass er wieder gehen könne, wenn er den Beamten erzähle, was diese hören wollten. Später gab Brendan zu Protokoll, dass er wie in der Schule einfach nur geraten habe, was die Polizisten hören wollten. So wurde dann der zunächst einzige „stichhaltige“ Beweise geschaffen, der Steven Avery eine Mordanklage einbrachte.

Einen Mörder erschaffen? (Spoilerende)

„Making a Murderer“ ist der Konsens von mehr als 700 Stunden Videomaterial. Laura Ricciardi und Moira Demos, Film-Abschlussstudenten der Colombia University zu jener Zeit, stießen 2005 auf einen Artikel in der New York Times, der sich mit der Geschichte von Steven Avery befasste. Daraufhin beschlossen die beiden ehemaligen Studentinnen, die Familie von Avery zu interviewen. Sie blieben dann rund 10 Jahre an dem Fall und konnten neben Interviews der Familie und von Steven Avery bei Prozesstagen filmen, Videomaterial zu Polizeiverhören einsehen, außerdem Interviews mit anderen Beteiligten bewerkstelligen. „Making a Murderer“ ist der auf rund 10 Stunden zusammengeschnittene Konsens dieses umfangreichen Materials und hinterlässt einen nachdenklichen, vielleicht sogar verstört reagierenden Zuschauer. Man sieht sich geneigt, die Verschwörung zu erkennen, maßgeblich begründet auf teilweise wirklich lächerlicher und abstruser Beweisführung, unterstützt von dem Wissen, dass Steven Avery bereits zuvor unschuldig verurteilt wurde. Kommt es nun also ebenfalls einer Vorverurteilung aufgrund seiner vorangegangenen Taten gleich und damit einem persönlichen „Making a Murderer“, wenn man sich auf die Vergangenheit von Avery bezieht und seine mögliche Schuld anerkennen möchte? Oder ist es wirklich das Aufbauen und Gestalten, eben das „Making a Murderer“, nur um Missstände im Staats- und Polizeiwesen zu vertuschen?

Making a Murderer – kein klarer Weg für die Wahrheit

Kaum eine Serie hat bislang im Internet für eine dermaßen heftige Diskussion gesorgt wie „Making a Murderer“. Für einst beteiligte und kein gutes Bild abgebende Pflichtanwälte hagelt es auf deren Unternehmensbewertungen im Netz negatives Feedback, die Polizeibehörde in Manitowoc sah sich aufgrund nicht abreißender und nicht immer wohlgesonnener Meinungen zu einem Statement veranlasst, ebenso der damalige Staatsanwalt und viele andere Beteiligte. „Making a Murderer“ – das ist eine True Crime Story, die auch nach dem Anschauen lange Zeit zum Nachdenken verleitet. Geht es um Vertuschung, können wir der Justiz trauen, kann es jeden treffen oder stimmt doch alles?

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